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Juli 1999

 

Jahrhunderthochwasser 1999
Wenn der See über die Ufer steigt

Ohne Wasser kein Wassersport. Aber mit zuviel Wasser erst recht nicht. Diese leidvolle Erfahrung machen derzeit die Bootsbesitzer am See. Seit an Pfingsten das Jahrhunderthochwasser mit einem Pegelstand von 5,65 Metern die Ufer des Bodensees überflutete, sind die Möglichkeiten für die Sportschiffahrt stark eingeschränkt. Besonders dramatisch zeigte sich die Situation in den zwei Wochen nach Pfingsten: Die Stege und Aufenthaltsräume zahlreicher Clubs rund um den See waren überflutet, Hafenmauern, die gewöhnlich weit aus dem Wasser ragen, waren überschwemmt und hätten bei einem möglichen Sturm keinen Schutz mehr geboten. Bei soviel Wasser versagte auch die Elektrik: Sturmwarnleuchten und Hafenkräne waren gleichermaßen außer Betrieb.
Wer trotzdem freien Zugang zu seinem Boot hatte, durfte auf dem See nur mit Einschränkungen fahren: Der Seerhein und der Hochrhein waren für Motorboote gesperrt, auf dem Obersee kam noch die Gefahr durch Treibholz hinzu. Verschiedene Werften am Untersee standen knietief unter Wasser.

Der (un)berechenbare See
(Pegelstand 5,65 m - Bild anklicken zum vergrössern)

Das ungewöhnlich frühe und heftige Hochwasser ist ein treffendes Indiz für die Unberechenbarkeit des Bodensees. Daß sein Wasserstand - zumindest kurzfristig - doch auch berechenbar ist, soll im Anschluß verdeutlicht werden.
Als nicht regulierbarer See hängt sein jeweiliger Pegelstand einzig und allein vom Zu- und Abfluß ab.
Die Zuflüsse: Das gesamte Einzugsgebiet umfaßt die zwanzigfache Fläche des Bodensees, mit dem Alpenrhein als weitaus größtem Lieferanten, besonders während der Schneeschmelze. Die große Unbekannte ist die jeweilige Regenmenge. Wenn der Himmel sämtliche Schleusen öffnet, können im Extremfall bis zu 4.700 m3/s dem See zufließen.
Abfluß: Die Abflußmenge des Hochrheins ist direkt abhängig von der Höhe des jeweiligen Wasserstandes. Die maximale Durchflußmenge in Schaffhausen liegt bei etwa 1250 m3/s, somit ein Bruchteil dessen, was dem See im ungünstigsten Fall zufließen könnte. Die nebenstehende Grafik basiert auf Werten, die freundlicherweise vom Kraftwerk Schaffhausen zur Verfügung gestellt wurden. Eine Vorhersage über die Entwicklung des Wasserstandes des Bodensees ist - angesichts des gewaltigen Zuflußpotentials - nur über einen Zeithorizont von ein bis zwei Tagen möglich, vorausgesetzt, es liegen verläßliche Prognosen über die Regenmenge im Einzugsgebiet vor. Dazu folgende Faustregel: Ein Überschuß im Zufluß bzw. Abfluß von 60 m3/s bewirkt nach 24 Stunden ein Ansteigen bzw. Absinken des Seespiegels um einen Zentimeter. Zieht man von der erwarteten Menge an Zuflüssen die dem aktuellen Pegelstand entsprechende Abflußmenge ab und teilt diese Differenz durch 60, erhält man die ungefähre Anzahl Zentimeter, um die der Pegel in den kommenden 24 Stunden steigt oder fällt.
Solche Rechnungen interessieren primär während einer Hochwasserlage. Benötigt werden die Zuflußmengen und der Pegelstand. Beide Werte können derzeit über Teletext im Fernsehen abgefragt werden:
ORF-Text, Seite 618/2 Bodensee-Pegel, täglich 7.00 Uhr (Daten des hydrographischen Dienstes Vorarlberg).
Internet: www.vorarlberg.at/ Landesregierung/lwba/lwba.htm
Südwest-Text, Seite 805 Hochwasser, Pegelstände Bodensee und Rhein (Hochwasser-Vorhersage-Zentrale,mit stündlicher Nachführung)
Südwest-Text, Seite 164, Bodenseewetter und Pegelstand.
Fazit: Bei sommerlicher Schneeschmelze führt der Alpenrhein immer eine ansehnliche Grundlast an Wasser in den Bodensee. Ein allfälliges Defizit zwischen Zufluß und Abfluß ist demzufolge gering, das heißt der Wasserspiegel sinkt in dieser Jahreszeit nur um wenige Zentimeter pro Tag.
Umgekehrt können großräumige, massive Regenfälle die Zuflüsse so anschwellen lassen, daß der See in einem einzigen Tag mehr als 30 Zentimeter steigen könnte.
Das Hochwasser erfordert von allen Wassersportlern angemessenes Verhalten auf dem See.

 
 

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